Begegnung in Musik
Begegnung in Musik
Was bedeutet es für dich mit anderen Menschen Musik zu machen? Warum machst du es?
In diesem Artikel stelle ich zwei Möglichkeiten dar, deren Differenzierung für mich ein entscheidender Schritt in meinen Bestreben als Musikerin ist.
Die Trennung dieser beiden Punkte ist keine klare Linie. In unterschiedlicher Musik und unterschiedlichen Menschen, kann die Ausprägung eine andere sein.
In diesem Artikel stelle ich zwei Möglichkeiten dar, deren Differenzierung für mich ein entscheidender Schritt in meinen Bestreben als Musikerin ist.
Die Trennung dieser beiden Punkte ist keine klare Linie. In unterschiedlicher Musik und unterschiedlichen Menschen, kann die Ausprägung eine andere sein.
1.Musik für die Musik
Die Basis ist hier eine Begeisterung für die Musik. Sie wird zuvor definiert, sei es mit Noten oder für eine Improvisation. Das Ziel ist es, diese Musik zu interpretieren. Ob offen oder unausgesprochen, es gibt Muster und Vorgaben und es geht darum, in einem bestimmten Rahmen eine Einheit zu bilden. Eine Band, ein Orchester oder ein Ensemble verschmilzt durch die verschiedenen Instrumente zu einem einzigen Klangkörper. Der Fokus liegt in erster Linie auf der Musik. Meine Identität bezieht sich hier vor allem auf das Instrument und auf die Musik. Selbstverständlich hat Jede und Jeder einen individuellen Ausdruck und die persönliche Interpretation spielt eine wichtige Rolle, aber es bewegt sich dennoch in einem gewissen Rahmen. Was die MusikerInnen verbindet, ist die Begeisterung zu dieser Musik und das Ziel, diese auf höchst möglichem Niveau zu spielen.
Aus dieser Begeisterung für die Musik kommt auch die Motivation zur Leistungssteigerung. Denn je höher die Kompetenz, die Anpassungsfähigkeit an die Vorgaben, sowie der persönliche Ausdruck, desto besser können die verschiedenen Instrumente zu einer Einheit verschmelzen.
Wie ich im Artikel „Leistung“ anschneide, kann diese Motivation dann ein destruktives Ausmaß haben, wenn andere Motivations-faktoren im Unterbewusstsein mit rein spielen, die aus einem Schmerz heraus kommen und nicht aus Leidenschaft. Da es in dieser Herangehensweise vor allem um das Funktionieren für die Musik geht, kann der Preis manchmal tief im Unterbewusstsein vergraben liegen und dann nach einem Tribut fordern, wenn man anfängt, sich selbst - oder auch seine Mitmenschen - mit den eigenen Leistungserwartungen zu erdrücken. Teil dieses Tributes ist auch das ständige „Nie-genug“-Gefühl, dass in einer Gesellschaft, die auf Leistung beruht, in den meisten Menschen tief verankert ist.
Logos:
Dieser Rahmen erfordert ein sehr gradliniges, zielorientiertes Denken. Anpassung ist notwendig und das Streben nach Perfektion unabdingbar. Das kann bei einem Ungleichgewicht soweit gehen, dass die Emotionalität, die jeder Musik zugrunde liegt, von dieser Entschlossenheit erdrückt wird. Es kann dann technisch noch so perfekt sein - doch wenn die Seele des Menschen in der Musik keinen Raum findet, wird sie vielleicht das logische Denken der Zuhörer:innen beeindrucken, nicht jedoch ihr Herz berühren.
Dieser Rahmen erfordert ein sehr gradliniges, zielorientiertes Denken. Anpassung ist notwendig und das Streben nach Perfektion unabdingbar. Das kann bei einem Ungleichgewicht soweit gehen, dass die Emotionalität, die jeder Musik zugrunde liegt, von dieser Entschlossenheit erdrückt wird. Es kann dann technisch noch so perfekt sein - doch wenn die Seele des Menschen in der Musik keinen Raum findet, wird sie vielleicht das logische Denken der Zuhörer:innen beeindrucken, nicht jedoch ihr Herz berühren.
2. Musik für die Verbindung:
„Ich will dich fühlen”
Die Musik wird in erster Linie ein Mittel zur Verbindung mit anderen Menschen. Das Instrument ist ein Weg des Ausdrucks der tiefen persönlichen Identität. Jeder Mensch hat einen extrem vielschichtig Charakter. In dieser Musik geht es um eine Begegnung in all diesen tiefen Schichten unseres Seins. Im Fokus steht die Absicht, in die Gefühlswelt der MitspielerInnen einzusteigen, oder seine eigene erfahrbar zu machen. Eine Improvisation gleicht einem Gespräch, in dem jede:r sich auf seine eigene Art und Weise ausdrücken kann. Es geht darum, sich zu finden. Die Regeln werden einzig und allein durch den Gesprächsverlauf und die ausgedrückten Emotionen definiert.
Die Musik wird in erster Linie ein Mittel zur Verbindung mit anderen Menschen. Das Instrument ist ein Weg des Ausdrucks der tiefen persönlichen Identität. Jeder Mensch hat einen extrem vielschichtig Charakter. In dieser Musik geht es um eine Begegnung in all diesen tiefen Schichten unseres Seins. Im Fokus steht die Absicht, in die Gefühlswelt der MitspielerInnen einzusteigen, oder seine eigene erfahrbar zu machen. Eine Improvisation gleicht einem Gespräch, in dem jede:r sich auf seine eigene Art und Weise ausdrücken kann. Es geht darum, sich zu finden. Die Regeln werden einzig und allein durch den Gesprächsverlauf und die ausgedrückten Emotionen definiert.
Der Schwerpunkt liegt auf dem Menschen und nicht auf der Musik. Das verringert nicht die Wichtigkeit der Musik, es misst ihr nur eine andere Bedeutung bei. Sie dient hier vor allem als Brücke zwischen den einzelnen Individuen. Sie ist selbstverständlich nicht frei von Charakter oder Stil, denn jede Erfahrung spielt mit rein.
Die Motivation zur Leistungssteigerung liegt in dem Streben nach einem freien Selbstausdruck,, wobei die Faktoren und Ziele sehr individuell sind.
Neben dem Steigern des technischen Niveaus braucht es ein Bewusstwerden der vergrabenenen Hindernisse (Artikel: Leistung), um sie in den aktiven Entscheidungsraum zu bringen.
- Beispiel - „Nimm mich ernst“
Im Artikel „Nimm mich ernst!“ beschreibe ich eine tief sitzende Angst von mir. Verbunden mit Selbstzweifeln und meiner energischen, extrovertierten Art, kann das in der Improvisation dazu führen, dass ich das Gefühl habe, mir meinen Raum einfordern zu müssen. Aus Angst nicht ernst genommen zu werden, kämpfe ich darum. Solange ich in diesem Gefühl drin bin und es nicht aus einer Distanz betrachte, wird dies in meiner Improvisation zu hören sein. Es gibt hier keine allgemeingültig Regel, wie sich das äußert, das ist sehr individuell. In meinem Fall kann es dazu führen, dass ich meine MitspielerInnen nicht in ihrer Feinheit wahrnehme und mehr spiele, als in diesem Zusammenspiel gerade angemessen wäre, sie vielleicht sogar in der Musik überfahre. (In Gesprächen ist das nichts anderes)
Eros:
Dieser Ansatz erfordert in erster Linie ein tief emphatisches Miteinander (mit Anderen, so wie mit sich selbst), da nur so der Mut zu einer authentischen Sprache entstehen kann, welche die Grundvoraussetzung für eine wahrhaftige Begegnung ist.
Eine Freiheit, die uns ermutigt auszuprobieren und Fehler zu machen, um mehr und mehr zu einem persönlichen Ausdruck zu finden.
Die Suche nach der Freiheit kann eine Verbindung jedoch auch verhindern, da das Streben nach Anpassung auch zu einem gegenseitigen Angleichen führt.
Dieser Ansatz erfordert in erster Linie ein tief emphatisches Miteinander (mit Anderen, so wie mit sich selbst), da nur so der Mut zu einer authentischen Sprache entstehen kann, welche die Grundvoraussetzung für eine wahrhaftige Begegnung ist.
Eine Freiheit, die uns ermutigt auszuprobieren und Fehler zu machen, um mehr und mehr zu einem persönlichen Ausdruck zu finden.
Die Suche nach der Freiheit kann eine Verbindung jedoch auch verhindern, da das Streben nach Anpassung auch zu einem gegenseitigen Angleichen führt.
- Beispiel: Metrum.
Ein Puls gibt ein rhythmisches Gerüst vor, an dem man sich orientiert. Bei meinem tief verankerten Wiederstreben, mich in Raster zu fügen (plus meinem persönlichen Musikgeschmack) habe ich die Tendenz, dieses Gerüst - also den Puls zu ignorieren. Er rückt dann völlig aus meinem Bewusstseinsfeld heraus und ich schwimme munter, wie ein Fisch in meinem Teich der Musik. Wenn ich nun mit anderen Menschen zusammen improvisiere, kann es vorkommen, dass mein Tempo manchmal unvorhersehbar ist, da es sich hier innerhalb von Sekunden ändern kann. Dies verhindert eine echte Verbindung im Zusammenspiel.
In manchen Fällen führt das Einschränken der Freiheit also dazu, eine tiefe Verbindung zu ermöglichen.
Im besten Fall sind gewisse Parameter so automatisiert, dass man gemeinsam mit diesen spielen kann und sich in der Musik gezielt und gemeinsam aus ihnen heraus bewegt. Wenn ich alleine spiele kann ich mir die künstlerische Freiheit nehmen, mich aus den Rastern zu lösen. Wenn es mir jedoch um eine Verbindung mit anderen Musiker:innen geht, ist es wichtig, dass ich mich in das Raster des Pulses einordne.
Soziale Interaktion
In einem Gespräch ist es nichts anderes.
Selbstverständlich kann man nicht alle Gespräche über einen Haufen werfen. Dennoch würde ich hier gerne unsere gesellschaftlichen Tendenzen aufzeigen, um die strukturelle Auswirkung des zu lange unterdrückten Eros darzustellen. Viele Gespräche laufen nämlich überwiegend nach ersterem Prinzip ab. Ganz gleich welches Thema, wir bleiben oft in einem angepassten Rahmen. Wir geben Meinungen wieder, die wir gehört haben. Tauschen Wissen aus, das wir gelernt haben und hoffen, im besten Fall in dem Thema auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen.
Selbstverständlich kann man nicht alle Gespräche über einen Haufen werfen. Dennoch würde ich hier gerne unsere gesellschaftlichen Tendenzen aufzeigen, um die strukturelle Auswirkung des zu lange unterdrückten Eros darzustellen. Viele Gespräche laufen nämlich überwiegend nach ersterem Prinzip ab. Ganz gleich welches Thema, wir bleiben oft in einem angepassten Rahmen. Wir geben Meinungen wieder, die wir gehört haben. Tauschen Wissen aus, das wir gelernt haben und hoffen, im besten Fall in dem Thema auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen.
Doch was passiert, wenn wir in ein Gespräch gehen, mit der Absicht «Ich will dich fühlen»? Wenn wir versuchen zu verstehen, welches Gefühl hinter dem Gesagten steht? Wenn wir uns bemühen, die Veränderung in den Gesichtszügen zu lesen. Uns in die Körperhaltung hineinversetzen. Den Tonfall der Worte in uns nachhallen lassen, um zu forschen, ob wir ihn in unseren Erfahrungen wieder erkennen. Was passiert, wenn wir uns nicht mehr hinter fremden Erzählungen verstecken, sondern unserem eigenen Herzen Ausdruck verleihen.
In einem Gespräch spielt der kognitive Aspekt noch eine viel grössere Rolle, als in der Musik - wo man in erster Linie über das Gefühlte (emotional, sowie körperlich) in Kommunikation tritt. In einem Gespräch können wir aktiv mit Nachfragen und der Motivation zu Verstehen, eine Verbindung herstellen.
In einem Gespräch spielt der kognitive Aspekt noch eine viel grössere Rolle, als in der Musik - wo man in erster Linie über das Gefühlte (emotional, sowie körperlich) in Kommunikation tritt. In einem Gespräch können wir aktiv mit Nachfragen und der Motivation zu Verstehen, eine Verbindung herstellen.
In unserer Gesellschaft dominiert im Moment die Logos-Gesprächskultur. Ein Gespräch wird durch Wiedergeben und Austauschen von definierten Fakten geführt und nicht von wahrhaftiger Begegnung zweier Menschen.
Smalltalk dient hier nicht als Erforschen von Gemeinsamkeiten, sondern als Überbrücken der Stille.
Smalltalk dient hier nicht als Erforschen von Gemeinsamkeiten, sondern als Überbrücken der Stille.
In einem Gespräch, in der Lautstärke dominiert, wird die Möglichkeit zur Verbindung reduziert.
Ich persönlich kenne beide Seiten. Doch für mich war der Versuch in einem Gespräch mit Logos zu agieren ein schmerzhafter Betrug, meiner eigentlichen Sehnsucht nach Verständnis und Verbindung.
Jede:r hat andere Stärken und jedem und jeder fallen andere Dinge leichter.
Also fangen wir an, auch in unserer Kommunikation dem Eros einen Raum zu geben. Das interessierte Schweigen unserer Gesprächspartnerinnen wahrzunehmen und davon zu lernen; den neugierigen Fragen mit ehrlicher Reflexion und Gegeninteresse zu begegnen, anstatt sie höflich abzuarbeiten.
Also fangen wir an, auch in unserer Kommunikation dem Eros einen Raum zu geben. Das interessierte Schweigen unserer Gesprächspartnerinnen wahrzunehmen und davon zu lernen; den neugierigen Fragen mit ehrlicher Reflexion und Gegeninteresse zu begegnen, anstatt sie höflich abzuarbeiten.
Gespräche sind der Ort, an dem sich Menschen begegnen. Und bei allem was gerade in der Welt passiert, gibt es meiner Meinung nach nichts wichtigeres, als dass wir anfangen, unsere Fähigkeiten, zu Verbindung und Verständnis zu kultivieren.
Um uns mehr und mehr in Frieden und Empathie begegnen zu können.
Aus meinem Leben:
Ich fange jetzt erst an, es wirklich zu verstehen - aber eigentlich habe ich bereits während meines Studiums in der Musik vor allem nach der Verbindung zu den Menschen gesucht. Dass diese in mir um einiges mehr Begeisterung entfachten, als die klassische Musik, war definitiv mit ein entscheidender Punkt für die dementsprechende Anpassung meiner musikalischen Ziele. Aber dennoch: je höher meine trompeterischen Kompetenzen stiegen, desto mehr konnte ich mit meinen Mitspieler:innen (mindestens für den Moment der Musik) verschmelzen.
Für mich persönlich fühlte es sich jedoch immer wie eine Maske an. Es schien mir, als würden sich alle hinter ihren Instrumenten verstecken. Als würden wir uns eine Rüstung aufsetzen, um uns nicht mit uns selbst und unserer Verletzlichkeit konfrontieren zu müssen. Mir persönlich fehlte eine noch wahrhaftigere Begegnung, die auf dem beruht, was jedes einzelne Individuum auszudrücken hat.
Ich will wissen, was meine Mitmenschen zu sagen haben, wenn sie alles sagen dürfen.
Ich will wissen, was meine Mitmenschen zu sagen haben, wenn sie alles sagen dürfen.
Der Rahmen für die Form der Musik wird durch viele unterschiedliche Faktoren, wie Erfahrung, Geschmack und Kompetenz gesteckt. Seit zwei Jahren ist ein entscheidender Teil meiner Suche, mich von den gelernten Leistungsdefinitionen zu lösen und meine indiviudellen Faktoren zu definieren um diese anzustreben. Es ist eine selektive Dekonstruktion von gelernten Zielen um meine Eigenen zu entwickeln. Außerdem geht es für mich darum, mich von unterschiedlichster Musik und Menschen inspirieren zu lassen.
Im Endeffekt ist es nichts anderes, als mit einer Sprache: Ich suche mir zusammen, was ich brauche, um meine eigene Sprache entwickeln zu können. Ich weiß noch nicht, ob ich am Ende wirklich eine neue Sprache finde oder ob es auf der Suche letztendlich um ganz andere Dinge geht. Aber - wie das in einer zwischenmenschlichen Beziehung der Fall sein kann - ist meine Liebe zur Trompete bisher so groß, dass ich weiter suchen will, wie wir es gemeinsam schaffen, ein gutes Team zu bilden.
Meine Sehnsucht nach Verbindung und meine geringe Fähigkeit (bzw. Motivation) zur Anpassung, entfachen in mir eine Leidenschaft für ehrliche Improvisationen, in denen es das wichtigste Ziel ist, sich selbst, sowie seine Mitspieler:innen zu fühlen.
Ich liebe es auch, in der klassischen Musik eine Verbindung zu erschaffen und zu fühlen, wie man zu einem einzigen Klangkörper verschmilzt. Ich liebe das Gefühl eines starken Logos und dem determinierten Ziel, das durch die Musik gesteckt ist.
Aber die Welt ist im Ungleichgewicht und genauso ist es mein Herz. Also ist im Moment mein determiniertes Ziel, Begegnungen, die wahrhaftiger sind, als wir es uns manchmal zu fühlen wagen.
In der Musik, sowie in Gesprächen.